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Äthiopien: Stern des Südens


Die Karawane zieht weiter - nach der Verlagerung der Schuhproduktion von Europa nach Asien wird zunehmend Afrika als Standort erschlossen. Eine Vorreiterrolle nimmt dabei Äthiopien ein. Das ostafrikanische Land will sich vom Rohhautlieferanten zum Schuhexporteur wandeln. 
schuhkurier hat sich im Rahmen einer Leserreise vor Ort umgesehen. 


Lutz Kilian Klüter bleibt ganz ruhig. Schließlich ist er mit den Besonderheiten Afrikas bestens vertraut. Daher bringt es den Schuhexperten, der in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba lebt und arbeitet, nicht aus der Fassung, dass wenige Stunden vor Eröffnung der All African Leather Fair vom deutschen Gemeinschaftsstand nur wenig mehr als ein Grundriss auf dem Teppichboden zu erkennen ist. "Immer gelassen bleiben", empfiehlt er. "Dann wird das schon." Und tatsächlich: Als am nächsten Morgen der äthiopische Wirtschaftsminister Girma Biru die dritte Ausgabe der Messe offiziell eröffnet, steht der deutsche Pavillon an seinem Platz. Mit Gelassenheit kommt man hier weiter - auch wenn es manchmal schwer fällt. Neben den äthiopischen und afrikanischen Ausstellern präsentieren dank Förderung und Unterstützung der IHK Pfalz und unter Federführung des ISC Germany 16 deutsche Unternehmen in der Millennium Hall ihre Produkte den Besuchern. Dabei geht es für viele zunächst um einen ersten Eindruck. "Wir sind hier, um Kontakte zu knüpfen und den Standort kennen zu lernen", sagt etwa Willibald Kiefer vom Schuhmaschinenhersteller Leibrock. So stehen für die Aussteller auch Besuche in örtlichen Fabriken und Gerbereien auf dem Plan.

Vom Leder- zum Schuhexport

Lutz Kilian Klüter kennt sich gut aus in dem afrikanischen Land. Im Auftrag des Deutschen Entwicklungsdienstes arbeitet er gemeinsam mit dem erfahrenen Schuhtechniker Reinhold Link im Rahmen des Engineering Capacity Building Program (ECBP) mit äthiopischen Schuhherstellern zusammen. In partnerschaftlicher Zusammenarbeit der Bundesrepublik und Äthiopien werden sechs zukunftsträchtige Wirtschaftszweige des afrikanischen Staates gefördert, darunter auch der Leder- und Schuhsektor. Bereits seit rund 100 Jahren werden in Äthiopien Schuhe gefertigt; syrische und armenische Einwanderer brachten das Handwerk einst nach Ostafrika. Die Mehrzahl der heute bestehenden Fabriken wurde in den 80er- und 90er-Jahren gegründet. Noch ist das Land allerdings in erster Linie für seine außergewöhnlich hochwertigen Kleintierleder bekannt. Insgesamt hat Äthiopien mit 30 Mio. Rindern und 45 Mio. Schafen und Ziegen den größten Viehbestand Afrikas. Allerdings will die Regierung künftig den Lederexport begrenzen und die Wertschöpfung vor Ort erhöhen. So werden seit Kurzem auf Ausfuhren von Wet Blue Leder Strafzölle in Höhe von 150% erhoben. "Neben der hohen Lederqualität dürfen auch die Lohnkosten nicht vergessen werden, die weit unter asiatischen Verhältnissen liegen", gibt Lutz Kilian Klüter zu bedenken. Generell, so glaubt er, sei Äthiopien vor allem für Unternehmen, die eigene Techniker entsenden können, interessant. Aber auch in der Schaftproduktion seien erfolgreiche Kooperationen denkbar. Dagegen ist das Klima für ausländische Investoren in der Schuhindustrie äußerst günstig, es fallen keine Import- oder Exportzölle an. Dabei fallen die Ziele der Regierung ambitioniert aus: So sollen die Exporte von Leder und Lederprodukten innerhalb von fünf Jahren von heute 100 Mio. Dollar auf 500 Mio. Dollar gesteigert werden. 

"Unglaubliches Potenzial"
Eine Vorreiterrolle nimmt das Langenfelder Unternehmen Ara Shoes AG ein. Gemäß der Strategie, im Herkunftsland der Rohmaterialien zu fertigen, wird aktuell für 1,5 Mio. Euro eine eigene Fabrik in Addis Abeba aufgebaut. Zuvor ergaben Probeaufträge mit lokalen Herstellern durchweg positive Ergebnisse. "Äthiopien hat ein unglaubliches Potenzial in den Bereichen Sourcing und Arbeitskräfte", sagt Ara-Vorstand Tobias Zimmerer. Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangt Ephrem Yirga, Managing Director der Kangaroo Shoe Factory, der aus einer der wohlhabendsten Familien des Landes stammt. "In China sind die Arbeitskosten in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Wo werden die Hersteller auf der Suche nach neuen Standorten hingehen? Hierher, wo sowohl Land als auch Arbeitskräfte günstig sind!" Derzeit erhalten die 
Arbeiter in den Fabriken einen monatlichen Lohn in Höhe von maximal 30 Dollar. Zwar rechnet der charismatische Ephrem Yirga realistisch nicht mit einem Boom in naher Zukunft, dennoch ist er sicher: "Diese Entwicklung wird kommen, sie ist nicht aufzuhalten." Die Regierung leiste wichtige Unterstützungsarbeit, die Infrastruktur werde kontinuierlich verbessert, die Rahmenbedingungen an die Anforderungen der internationalen Hersteller angepasst. Die Anstrengungen zahlen sich bereits aus; zahlreiche namhafte Hersteller haben erste Testproduktionen durchgeführt. Um für die Zukunft gerüstet zu sein, hat Ephrem Yirga kürzlich eine ehemals staatliche Schuhfabrik übernommen, die nun zum Teil mit modernen Maschinen ausgerüstet wird. Ist der Modernisierungsprozess abgeschlossen, sollen hier täglich mehrere tausend Paar Schuhe produziert werden - am besten für den Export. Auch Tesfaye Beyene hat ambitionierte Ziele. Mit seinem Unternehmen OK Jamaica Shoes setzt der Unternehmer auf die Fertigung qualitativ hochwertiger Herrenschuhe. Konsequent um Optimierungen bemüht, sieht auch er die Zukunft der äthiopischen Schuhindustrie im Export. Mit Yirga, Beyene oder auch dem Inhaber der Peacock Shoe Factory, Elias Bedada, steht eine aufstrebende, neue äthiopische Unternehmergeneration bereit, um die Ziele der Regierung in die Tat umzusetzen.

Einen Kurzfilm über die äthiopische Schuhindustrie finden Sie HIER


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